Salzige Grashalme

Prof. Dr. Gutberg ist Professor an einer kleinen Universität und unterrichtet neugierige Studenten in allem was irgendwie mit Nahrungsmitteln und Genussmitteln zu tun hat.

Und was für Studenten er hat. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt, legt er seinen Ledermantel auf den alten Ohrensessel, den er in seinem Flur stehen hat und hängt anschließend seinen Hut an seine Garderobe. Natürlich führt dies jedes mal zu verbalen Konfliktlösungsversuchen zwischen ihm und seiner Frau.

Sie versteht einfach nicht warum er seinen Mantel nicht an die Garderobe hängt, aber seinen Hut. Er versichert ihr dann jedes mal aufs neue, dass es einfach sinnvoller ist seinen Mantel in den Ohrensessel zu legen. Wahrscheinlich hat er sogar recht damit. Denn so oft wie er seine Brille oder seinen Notiz block, den er unbedingt für seine Arbeit benötigt, in eben diesem Mantel, versteckt in der Innentasche, vergisst, ist es eine erhebliche Verminderung der nötigen Schritte um etwas aus seinem Mantel zu holen. Auch Prof. Gutberg musste schließlich einmal Mathematik lernen. Und dort hatte er irgendwann einmal gelernt, wie man 2 Zahlen gegeneinander stellt. Er dachte sich wohl, mit dieser Ausrede eine Chance zu haben gegen seine Frau. Doch in Wirklichkeit weiß jeder in seinem Umfeld, dass er die Sorge hat, die Garderobe könnte zu Bruch gehen. Er hat sie vor 3 Jahren in seinem Urlaub selbst zusammengebaut. Nicht im Sinne von der schwedischen Bedeutung „zusammenbauen“. Nein, ganz von selbst. Mit Holz aus dem Baumarkt, Dübel, Schrauben und Lack. Jedoch glaubt er nicht an seine Fähigkeit, Holz zu bearbeiten. Deshalb landet der Mantel auf dem Ohrensessel. Und das seit 3 Jahren.

Woran er allerdings glaubt, ist das, was er jeden Abend seiner Frau beim Abendessen erzählt. „Sie sind so wissbegierig, so neugierig und vor allem intelligent. Als würde es für sie nichts anderes geben als die Naturwissenschaften von Genussmitteln und anderen Lebensmitteln.“ Er erzählt ihr dann, wie er jungen, notgeilen Studentinnen mit viel zu kurzen Röcken die Zusammenhänge zwischen Geschmack, Geruch und der Sinnlichkeit von Lebensmitteln näher bringt. In solchen Momenten weiß seine Frau immer, dass sie eigentlich einen Philosophen oder Poeten geheiratet hat, der einfach nicht den Mumm dazu hatte. Was er allerdings verschweigt, ist die Tatsache, dass es sich um notgeile, zu kurze Röcke tragende, junge Studentinnen handelt.

Und ja, auch an seiner Intelligenz kann man Zweifeln. Denn das, was er da jeden Abend erzählt, entspricht nicht ganz der Realität.

Natürlich sind die Studenten und Studentinnen wissbegierig. Allerdings sind sie auch auf andere Dinge gierig. Wilde Partys, hemmungsloser Sex und immer die neuesten und besten Drogen. Kein Wunder das seine Studenten die beliebtesten an der Uni sind. Denn schließlich können sie durch das von ihm vermittelte Wissen, die günstigsten Drogen auf dem Campus produzieren.
Sollte er dieses einmal lesen, sei ihm eines zum Trost gesagt: Das Ziel ist das gleiche; Sinnlichkeit. Er sucht sie in den Lebensmitteln, die Studenten beim vögeln auf selbst gemixten Drogen. Und einmal pro Woche, macht er sich an praktische Übungen.

An einem solchen Abend darf seine Frau die Küche nicht betreten. In seiner Vorstellung hat sie an dem Abend, solange er in der Küche steht, vor Ihrem Spiegel zu sitzen und sich für ihn mit Make-Up herzurichten. Ganz zu schweigen davon, dass sie gefälligst vorher duscht und ihren Ladyshave benutzt um ihre Haare von den Beinen und auch zwischen Ihnen zu entfernen. Er bevorzugt die Variante mit der so genannten „Runway“, „Straße zum Glück“ oder „Venusweg“. Sprich: Er mag es wenn noch ein kleiner Streifen kurzer Haare oberhalb ihrer Pussy stehen bleiben.

In diesem Fall ist er allerdings Realist. Der Ladyshave, den er ihr vor mehreren Monaten mitgebracht hat, wurde seit Monaten nicht benutzt. Und die Vorstellung winziger Stehhaare macht ihm auch nicht mehr solche Freude seit er das letzte mal, als seine Frau mit gespreizten Beinen vor ihm lag, den Vergleich gezogen hat „So muss es bei meiner Mutter auch ausgesehen haben als sie in die Wechseljahre kam“. Aber wie Männer, und besonders solche die den falschen Beruf ausgewählt haben, nun mal so sind, verdrängt er lieber dieses Missverhältnis zwischen Realität und Phantasie und kocht einfach weiter.

In Wirklichkeit braucht seine Frau 15 Minuten zum Duschen. Den Ladyshave benutzt sie einfach gar nicht mehr. Sie hat ihn von Anfang an nicht gemocht, tat es jedoch eine zeit lang ihrem Gatten zu liebe. Make-Up benutzt sie nur sporadisch. Sie ist der Meinung, dass ihr Mann den Unterschied so oder so nicht mehr deuten kann.

Prof. Dr. Gutberg steht also seit 18 Uhr in der Küche. Er bereitet einen „Salzbraten“ vor. Ich kann ihnen versichern, dass dies eine sehr leckere Angelegenheit ist. Wenn man es kann. Der Herr Prof. tat jedoch gut daran, kein Koch zu werden. Denn er kann es eindeutig nicht. Seine Frau empfiehlt ihm jedes mal sich ans Rezept zu halten. Doch da er Professor ist und die Aufgabe eines Professors ist es, zu experimentieren, kümmert ihn das nicht. Er achtet nur auf die Zutaten, nicht auf die Menge.

Er tüftelt also vor sich hin, während seine Frau ihrer einzigen sexuellen Befriedigung nachgeht die sie noch empfindet: Sie liest einen 1 EUR Roman aus dem Supermarkt, dessen Detail treue nur noch von Dr. Sommer im Jahr 2050 übertroffen werden kann. Eigentlich kann man auch sagen sie liest frei erwerbliche Pornografie ohne Bilder.

Nachdem der Braten in der Röhre war, nimmt er sich eine kleine Auszeit und gönnt sich erstmal eine Zigarette auf dem Balkon. Auch wenn es eigentlich seine Wohnung ist, schließlich hatten seine Frau und er das Glück niemals umziehen zu müssen und er war als erster in dieser Wohnung, verlangt seine Frau von ihm, außerhalb der Wohnung zu rauchen.
Er blickt von seinem Balkon im 3. Stock auf die Atemberaubende Aussicht wie sie typisch für Großstädte ist; Auf die Front des Hauses auf der Gegenüberliegenden Straßenseite.
Während ihm der Wind um die Nase weht und er genüsslich, auch wenn es schon lange kein Genuss mehr ist, an der Zigarette zieht, fängt er an, in Erinnerungen zu schwelgen.

Er denkt an seinen ersten Abend auf seinem Balkon. Damals, als er noch Single war und gerade seine Doktorarbeit vorbereitete. Damals war er noch Blitz gescheit und zudem auch noch sportlich. So kam es dazu, dass sich auch die ein oder andere, manchmal mehr, manchmal weniger, attraktive Frau in seine Wohnung verirrte. Er legte damals nicht viel Wert auf einen bestimmten Typ von Frau. Klar war ihm aber, als er seine Frau traf, dass sich alle Frauen bis dahin stark von ihr unterschieden. Er dachte damals, das würde daran liegen, dass sie die schönste Frau auf der Welt ist. Heute denkt er, dass es einfach daran lag, dass er sich zu Beginn gar nicht wirklich mit ihr beschäftigt hatte. Sie war halt gut im Bett.

Das erste mal als sie es miteinander getrieben haben, befanden sie sich auf dem Balkon. Mittags, an einem Dienstag. Sie war eigentlich gekommen um ihn abzuholen, denn sie wollte mit ihm was unternehmen. Er wollte ihr noch den Balkon zeigen. Doch ehe er mit seiner Mini-Rundführung beginnen konnte, beugte sie sich übers Geländer um zu sehen wie hoch es denn ist. Ob nun mit Absicht oder nicht, aber im gleichen Moment rutschte ihr Rock so hoch, dass er gar nicht anders konnte. Seine Frau sagt heute, dass sie nicht einmal mehr genau weiß, ob er erst gekommen ist und dann ihren Slip zur Seite geschoben hatte, oder umgekehrt. Seiner Meinung nach hatte das ganze allerdings mindestens eine dreiviertel Stunde gedauert. Heute hat er mit ihrer Befriedigung nur noch wenig zu tun. Denn in der Regel masturbiert sie, allein. Das weiß er genau, denn er hat sie bereits mehrmals dabei heimlich beobachtet und sich jedes mal gefragt, ob er sich nun darüber ärgern soll, oder ob er froh sein soll diese Ausdauer nicht aufbringen zu müssen. Seine Studie, die er über das Liebesleben seiner Frau anlegte, ergab, dass sie im Durchschnitt eine bis eineinhalb Stunden benötigt, ehe sie überhaupt anfängt zu stöhnen. Die Frage, ob er diesem Erfolgsdruck standhalten würde, hatte er sich aber nie getraut zu erörtern.
Er überlegte was er noch alles erlebt hatte und fing an sich an viele verflossene Frauen zu erinnern. Wie war ihr Name? Was war so toll an ihr? Wieso war sie auf einmal weg und was machst sie wohl heute? Familie Kinder Haustiere?

Während er weiter überlegte schloss er die Augen. Ohne das er es wollte, fast mit Widerstand, erinnerte er sich an immer mehr Details und die Bilder schossen ihm nur den Kopf. Prof. Dr. Gutberg spürte auf einmal den Wind ganz deutlich auf seiner Haut. Spürte wie sich seine Kleider durch den Wind hin und her bewegte. Er fühlte den Wind immer deutlicher an seinen Augen. So das er das Gefühl hatte, seine Wimpern würden wie Dünengras im Wind umher wiegen.

Ihm schossen die Tränen in die Augen. Nicht weil er traurig war, sondern weil er sich an zu viele schmerzliche Momente in seinem Leben erinnerte.

Mit der Zeit wurden die Bilder wieder fröhlicher. Bis er plötzlich von einem Geräusch geweckt wurde. Hatte er den Fernseher laufen lassen? Oder woher kam das Gestöhne?

Er öffnete die Augen und merkte das eine leichte Salzkruste die Augen verklebt hatten. „Verdammt! Der Braten“. Während er in die Küche eilte viel ihm ein, woher das Gestöhne kam. Er muss so circa eine bis eineinhalb Stunden auf dem Balkon verbracht haben. Der Braten war hin, seine Frau zufrieden, und er spürte umso deutlicher die Grashalme in der Salzkruste. „Scheiße tut das weh!“

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